Corona, Kirche, Krise - ein Kommentar

a.       Zur Frage nach der Systemrelevanz von Kirche

 

Zu Beginn der Corona-Krise wurde in Politik und Medien die Frage gestellt, wer oder was für die Versorgung der Bürgerinnen und Bürger während des Lockdowns ‚systemrelevant‘ sei. Die Antwort lag auf der Hand: das Gesundheitswesen, die Politik und die Subsysteme der Wirtschaft, die für die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln wichtig sind.

Die Nichterwähnung der Kirchen führte zu einer (nicht wirklich neuen) Generaldebatte um die Systemrelevanz von Kirche in unserer säkular gewordenen Gesellschaft (z.B. Ulrich Körtner in zeitzeichen 06/2020, S. 12ff). Sie wurde teilweise verknüpft mit dem Vorwurf, „die Kirche“ habe in dieser Situation geschwiegen: sie habe sich den staatlichen Vorgaben des Lockdown widerstandslos gefügt und die von der Krise betroffenen Menschen weitgehend allein gelassen (z.B. Evelyn Finger, ZEIT, 28.05.2020).

 

Landesbischof July hat dazu am 01.07.2020 in seinem Bericht vor der Landessynode ausgeführt:

„Die Frage nach der ‘Systemrelevanz’ … fordert uns heraus, unser Selbstbild mit dem Außenbild der Gesellschaft abzugleichen. Und dabei wahrzun­ehmen, was von Kirche – zurecht oder zu Unrecht – erwartet wird und was von ihr nicht (mehr) erwartet wird. …

Zwei Erkenntnisse sind mir wichtig. Die erste: Kirche ist nicht nur dort bedeutsam, wo die Gesellschaft oder die Politik ihr diese Bedeutsamkeit bescheinigen. Kirche ist auch nicht nur deshalb bedeutsam, weil die Gesellschaft oder die Politik ihre Bedeutsamkeit bescheinigen. Kirche gründet sich auf Jesus Christus und hat in der Verkündigung des Evangeliums ihren zentralen Auftrag, nicht durch die Resonanz der Gesellschaft.“

Dem Begriff der Systemrelevanz stellt Bischof July den Begriff der Existenzrelevanz gegenüber, denn er sieht die Gesellschaft als ein „organisches Ganzes, das auf verschiedenste Beiträge aller ihrer Kräfte angewiesen ist, um lebendig zu bleiben.“ Dazu gehören nicht nur Bildung, Kultur, Theater, Musik, Sport, öffentliche Räume des Streits, des Dialogs, des Gedenkens und des Feierns, sondern auch und besonders „die Räume, an denen Menschen miteinander beten und Gottes Wort hören können.“

Weiter führte er aus: „Mein zweiter Punkt ist die Aufforderung, als Kirche in der Welt die Wahrnehmung der Kirche durch die Welt ernst zu nehmen. Sie ist ein Spiegel unserer öffentlichen Wirksamkeit, zu der wir berufen sind. Eine dieser Wahrnehmungen, wo und wie nach der Kirche gefragt wurde, hat mich berührt und nachdenklich gemacht: Viele Menschen, die sonst eine große Distanz zu unserer Kirche haben, erwarten wieder sehr fundamental etwas von kirchlicher und diakonischer Arbeit. Nämlich, dass wir für die da sein sollen, die sonst keine Stimme haben und übersehen werden. Das ist eine Kompetenzzuschreibung ganz eigener Art, die sich mit unserem Selbstverständnis als Kirche Jesu Christi deckt. Das kann ein Prüfkriterium sein, an dem sich unsere Initiativen und Impulse künftig orientieren. Dem widmet sich ja auch intensiv das, was wir in unserer kirchlich-diakonischen Arbeit tun: z.B. im Einsatz für alte und junge Menschen, für Menschen mit und ohne Behinderung, für Familien und Alleinerziehende, Flüchtlinge, Menschen ohne Obdach und die, die in der Gesellschaft keine Stimme haben.“

 

b.      Hat „die Kirche“ die Menschen in der Krise im Stich gelassen?

Im Newsletter von midi (22.05.2020) schreibt Hans-Hermann Pompe dazu: „Ich habe es anders wahrgenommen: Es entstanden wunderbare Ideen, es gab Telefonate und schriftliche Grüße für Ältere, Kranke und Einsame, zu greifen waren geistliche Impulse auf Wiesen und an Straßen oder zum Mitnehmen auf Wäscheleinen, Unterstützung wurde organisiert, zu hören waren Kurzpredigten oder Choräle auf Dorfplätzen, in Innenhöfen und Quartieren…“

Die Begleitung von Sterbenden und ihren Angehörigen musste, wie die Seelsorge in Krankenhäusern und Altenheimen, erkämpft werden – ja. Aber oft genug wurden sie erfolgreich erkämpft.

 

Um es theologisch zu deuten: Als Kooperationspartner Gottes kämpfen Christinnen und Christen „gegen die Chaosmächte der Pandemie – als Pflegerinnen und Pfleger, Ärztinnen und Ärzte, als Verkäufer und Politikerinnen, Müllwerker und Wissenschaftler, als Seelsorgerinnen und Seelsorger, die Kranke und Betroffene nicht allein lassen, als Pfarrerinnen und Pfarrer, die die Hoffnungskräfte des Glaubens stärken, ohne dabei moralisierend oder paternalistisch aufzutreten, als hätten nur sie relevante Antworten im Gepäck“ (Jörg Herrmann, FAZ vom 15.07.2020).

 

 

c.       Hat „die Kirche“ angesichts der Corona-Krise geschwiegen?

Diese Kritik richtet sich v.a. an die RepräsentantInnen der Kirche. Sie entspringt offenbar einem Wahrnehmungs-Defizit. Bereits am 20.März haben sich die evangelischen, katholischen und orthodoxen Kirchen mit einem gemeinsamen Wort zur Corona-Krise geäußert. Und alle leitenden Geistlichen haben sich in zahlreichen Stellungnahmen an die Öffentlichkeit gewandt.

Auch der Vorwurf, die Kirchen hätten sich staatlichen Vorgaben widerstandslos geführt, kann angesichts der schwierigen Verhandlungen zwischen Kirchenleitungen und staatlichen Stellen nicht aufrecht erhalten werden.

V.a. aber ist es, so  Heike Springhart, „ekklesiologisch unterbestimmt“, wenn Kirche auf die öffentlichen Äußerungen ihrer leitenden Geistlichen und Verordnungen der jeweiligen Kirchenleitungen reduziert wird: „Sie [die Kirchen] haben Menschen getröstet und andere Menschen irritiert oder gar enttäuscht. Sie haben sich eingelassen darauf, dass sie wie alle anderen auch eher tastend als vollmundig deklarierend unterwegs waren. Nur eines haben sie ganz sicher nicht: geschwiegen.“ (Heike Springhart, Wer redet, wenn „die Kirche“ redet? Über frommes Schweigen, unfrommes Dauerreden und wohlfeile Kirchenkritik, https://zeitzeichen.net/node/8358.)

 

d.      Welchen theologischen Themen sollten wir uns stellen?

Das Bedürfnis nach Erklärung und Deutung der Corona-Krise ist groß. Das zeigt das Interesse an immer neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen, an aufblühenden Verschwörungstheorien und an zahlreichen Interviews mit ExpertInnen, von denen Richtungsweisendes erhofft wird.

Theologische Deutungen sind weniger gefragt und seltener publiziert. Gut so, möchte man sagen: kein moralisches Ausschlachten, keine theologische Überhöhung der Krise, das ist nicht nichts. Dennoch ruft die Corona-Pandemie eine ganze Reihe theologische Themen auf.

Der (persönliche, gesellschaftliche, politische und auch innerkirchliche) Umgang mit der Pandemie rückt zunächst eine ganze Reihe ethischer Themen in den Fokus:  Zuwendung zum Nächsten trotz ‚physical distancing‘; Leib- und Seelsorge für die Vulnerablen, Kranken und Sterbenden; Anwaltschaft für die Menschen, die unter den sozialen, psychischen und materiellen Folgen der Pandemie leiden, um nur einige Beispiele zu nennen.

Zugleich verweist das Covid-19-Virus auch auf die Nachtseiten der Schöpfung, auf tendenziell tödliche Prozesse, die mit oder ohne menschliches Tun in Gang gesetzt werden. Damit kommen die Erfahrungen von Kontingenz und Vulnerabilität, die Unverfügbarkeit und Endlichkeit des Lebens und unser Eingebettet sein in unsere natürlichen und sozialen Umwelten in den Blick. Und dahinter die Frage, was unser Trost und unsre Hoffnung ist im Leben und im Sterben.

 

Die  Philosophin Olivia Mitscherlich-Schönherr meint, die Corona-Krise mache deutlich, dass die tradierte „Groß-Erzählung der Strafe Gottes“ nicht mehr funktioniert (Interview im Deutschlandfunk am 11.06.2020; https://www.deutschlandfunk.de/tag-fuer-tag.885.de.html). Zu fragen wäre demnach, welche theologisch verantwortete „Groß-Erzählung“ die existentielle Bedeutung des Glaubens verdeutlichen kann.

 

Notger Slenczka (https://zeitzeichen.net/node/8365) stellt fest: „Das Virus bringt die Kontingenz der menschlichen Planung und die Unverfügbarkeit und Verletzlichkeit der Grundlagen unserer Gesellschaft zum Vorschein, und zwar mit einer Wucht und Entschiedenheit, dass sich dieser Einsicht eigentlich niemand entziehen kann. … Das Virus manifestiert die Zerbrechlichkeit des menschlichen Planens und die Relativität hehrer Ziele. Genau dies ist gemeint, wenn vom Handeln Gottes die Rede ist: die Erfahrung, dass wir uns selbst nicht in der Hand haben.“

Als Christen halten wir aber daran fest, dass Gott „letztlich nicht mit der Krankheit, dem Tod und der Vernichtung paktiert, sondern auch im Tod auf das Leben hinauswill, durch die Gottverlassenheit zur Auferstehung, durch die Aufhebung der Gemeinschaft zur Wiederherstellung. Dass Gott zuletzt und endlich das Leben will, widerspricht der Lebenserfahrung auch der Anhänger Jesu unter dem Kreuz – und doch verkünden sie dies: Er ist auferstanden.“

Anklänge an Hartmut Rosa (Unverfügbarkeit, Salzburg/Wien 2018) und Günter Thomas (Gottes Lebendigkeit, Leipzig 2019) sind unverkennbar. Und wie Rosa und Thomas kommt auch Slenczka auf die Bedeutung des Gebets zu sprechen:

„Die Bitte nicht nur um das physische Überleben, sondern um das Leben im Vollsinn menschlich-leiblicher Gemeinschaft muss in öffentlichen Gebeten laut werden, in denen Gott gegen sein dunkles Handeln auf seine Verheißung angesprochen und bei ihr behaftet wird…“

 

Dabei geht es, wenn ich recht sehe, nicht nur um eine Gebetspraxis, die der Klage mehr Raum geben will, sondern um eine grundsätzliche Haltung des Empfangens. Handelnde Kirche können wir nur sein, wenn wir empfangende Kirche sind: Kirche, die sich an Gottes Verheißungen orientiert und in der Erwartung auf das Reich Gottes lebt. Davon zu erzählen und das Empfangene weiterzugeben, ist vielleicht noch keine „Groß-Erzählung“ des Glaubens. Aber es könnte ein Anfang sein.

 

Zum Schluss eine Beobachtung aus meinem eher privaten Umfeld. Ältere, bislang ehrenamtlich tätige Gemeindeglieder berichten, dass sie die Zeit des Lockdown nicht nur als Ent-Wertung durch die Gesellschaft erlebt haben („gerade noch begehrte Best-Ager, plötzlich Risikogruppe“), sondern auch in Kirche und Gemeinde die Erfahrung gemacht haben, nicht mehr gefragt zu sein. Sie fragen sich: „Sind wir für die Kirche, für die Gemeinde nicht mehr relevant?“ Und manche stellen zu ihrer Überraschung fest, dass sie das Gemeindeleben, auch die Gottesdienste, nicht allzu sehr vermissen. Sie fragen sich: „Ist Kirche für mich noch relevant?“

Vielleicht nur Einzelbeobachtungen. Falls nicht, sollten wir darüber ins Gespräch kommen und überlegen, was das für uns als Kirche, als Gemeinden, als PfarrerInnen bedeutet – und welche Konsequenzen wir ggf. ziehen.

Abgeschlossen am 16.07.2020