Liebe Mitglieder und Gäste der Leonberger Bezirkssynode,

 

 

vielen Dank für die freundliche Einladung und die Gelegenheit, einige Überlegungen zum „Tun und Lassen in unübersichtlichen Zeiten“ mit Ihnen zu teilen.

Unübersichtliche Zeiten. In meinem Umfeld erlebe ich, dass wir seit gut einem Jahr pandemiebedingt auf viele kirchliche Aktivitäten verzichten müssen. Das macht viele unzufrieden. Und die Ungeduld unter den Verantwortlichen wächst. Man möchte endlich wieder durchstarten, die Angebote und Aktivitäten der Vor-Corona-Zeiten wieder hochfahren und manches Format, das in den letzten Monaten neu entwickelt wurde, oben drauf packen. Und weil so vieles abgebrochen ist, ist die Versuchung groß, sich noch mehr anzustrengen, um verlorenen Boden wieder gutzumachen. Spätestens dann wird sich die Frage nach dem Verhältnis von Tun und Lassen, von Prioritäten und Posterioritäten neu – und unter den Bedingungen knapper werdender Ressourcen verschärft – stellen.

 

Zwei Fragen möchte ich deshalb im Folgenden erörtern. Erstens: Warum fällt uns das Lassen so schwer? Und zweitens: Nach welchen Kriterien können wir entscheiden, was wir tun und was wir lassen?

 

 

I. Warum fällt uns das Lassen so schwer?

Eine erste Antwort: Das Lassen fällt uns schwer, weil uns das Tun näher liegt als das Lassen. Ein Schlüsselbegriff der Resilienzforschung kann das deutlich machen: die Erfahrung von Selbstwirksamkeit, also die Erfahrung, das eigene Schicksal durch eigenes Tun maßgeblich gestalten zu können.

Unser Selbstbewusstsein speist sich also ganz wesentlich aus dem, was wir tun. Wo wir etwas gestalten und zum Erfolg bringen können. Wenn wir allerdings darüber nachdenken, was wir künftig lassen sollen, müssten wir uns eingestehen: dies oder jenes war nicht erfolgreich. Es hat keine – oder zumindest keine spürbare Wirkung gehabt. Etwas Bleibenlassen, aufgeben, weglassen, wird deshalb zunächst einmal nicht als entlastend erlebt, sondern als Verlust.

Und auf Verlust reagieren wir entweder durch Rückzug, Trauer, vielleicht auch Selbstmitleid – oder durch vermehrte Anstrengung, um den erfahrenen Verlust wettzumachen. Rückzug oder Aktionismus. Manchmal auch: Rückzug und Aktionismus.


Auch in unserer Kirche ist das spürbar und wurde durch Corona noch verstärkt. Vielerorts gab es ja zunächst ein Aufbäumen: keine Präsenz-Gottesdienste? Das geht auch digital. Keine Begegnungen mehr möglich? Dann nutzen wir andere Kontaktmöglichkeiten: Briefe, Telefonate, Predigten an der Wäscheleine, Jungschar aus der Tüte usw. Tolle Ideen, tolle Aktionen.

Aber inzwischen macht sich Erschöpfung breit, eine Erschöpfung, die wir schon aus der Vor-Corona-Zeit kennen und die sich aus dem diffusen Gefühl speist, dass das, was wir tun, nie genug ist. Innere und äußere Antreiber sitzen uns im Nacken: Es gibt so viel zu tun! Hier ein Milieu, das wir noch nicht erreichen. Dort eine Zielgruppe, die wir aus dem Blick verloren haben. Und immer wieder der leidige Vergleich mit anderen Gemeinden oder Pfarrpersonen.

Und hat nicht alles, wofür wir uns einsetzen, seine Berechtigung? Ob Krabbelgruppe oder Seniorenkreis, ob grüner Gockel oder das Ziffernblatt der Kirchturmuhr – immer gibt es jemanden, dem gerade dies oder jenes besonders am Herzen liegt.

 

 

 

Warum fällt uns das Lassen so schwer? Eine zweite Antwort: weil Kirche nicht losgelöst von den gesellschaftlichen Veränderungen existiert. Als durchgängiges Muster zeigt sich dabei, dass gesellschaftliche Veränderungen jeweils als „Krise“ wahrgenommen wurden – und jede „Krise“ mit einem Reformprogramm bewältigt werden sollte. i

Für unseren Zusammenhang bedeutsam ist zunächst die sog. Gemeindebewegung zu Beginn des 20. Jhdts. Die wahrgenommene Krise: Industrialisierung, Urbanisierung, Massenelend. Die Kirche verliert die Arbeiterschaft! Dem begegnet die Gemeindebewegung mit der Ausbildung überschaubarer, vereinsähnlicher Strukturen. Die Kirchengemeinde, die bis Ende des 19. Jhdts mit der bürgerlichen Gemeinde weitgehend deckungsgleich ist, bekommt damit erstmals eine eigenständige Rolle: Sie soll ein „Hort der Liebe“ ii sein. Möglichst viele Menschen sollen am kirchlichen Leben beteiligt werden, um ihnen moralischen Halt, diakonische Unterstützung und eine christliche Sozialisation zu vermitteln. Dafür braucht es ein differenziertes Angebot für Kinder, Jugendliche, Frauen, Männer und alte Menschen. Und es braucht analog zum Vereinsheim das Gemeindehaus.

Nun entsteht, was wir heute „Kerngemeinde“ nennen: eine größere oder kleinere Gruppe von ehrenamtlich tätigen Gemeindegliedern, die sich in besonderer Weise für das Leben in der Gemeinde, v.a. für die Gruppen und Kreise verantwortlich wissen. Auch der Pfarrberuf ändert sich grundlegend: zu den bisherigen Aufgaben von Predigt, Seelsorge und Unterricht treten soziale und v.a. organisatorische Aufgaben. Und der „Erfolg“ im Pfarrdienst misst sich nicht mehr nur an der Zahl der Kirchgänger, sondern auch am vollen Gemeindehaus, am lebendigen Gemeindeleben.

Der Impuls der Gemeindebewegung kommt mit Beginn des Ersten Weltkriegs zum Erliegen. Die Erfahrungen während des Dritten Reichs zeigen jedoch, wie wichtig dieser Impuls war: Nicht die Kirchenleitungen, sondern die Gemeinden der Bekennenden Kirche haben sich der menschenverachtenden Ideologie der Nationalsozialisten widersetzt.

Diese Erfahrungen haben dazu beigetragen, dass der Reformansatz der Gemeindebewegung in den 1950er Jahren wieder aufgegriffen wurde. Steigende Kirchensteuer-Einnahmen ermöglichten ein enormes Aufbauprogramm. Leitbild blieb die selbständige Kirchengemeinde, die alles bieten sollte und deshalb auch alles haben musste: eine Kirche, eine Pfarrstelle, ein Pfarrhaus, ein Gemeindehaus, eine Gemeindeschwester und einen Kindergarten. Dieses Leitbild ist noch immer wirksam. Ich nenne es glegentlich  die Vollsortimenter-Gemeinde: Alles im Angebot. Und jederzeit verfügbar.

 

Schon in den 1950er Jahren wird allerdings bewusst, dass die Kirche in vielen Lebensbereichen nicht mehr präsent ist. Die Antwort der sog. Kirchenreform der 1960er und 70er Jahre ist die Ausdifferenzierung der kirchlichen Arbeit durch übergemeindlicher Dienste. Hier in Leonberg-Ramtel gab es ja zunächst der Projekt einer „Gemeinde in Dienstgruppen“. Die Auswertung zeigte jedoch, dass die viele Impulse nicht auf ortkirchlicher Ebene zu schultern waren. Also wurden, zunächst in Modellregionen und später in der ganzen Landeskirche, Kreisbildungswerke, Diakonische Bezirksstellen, Bezirksjugendwerke, der landeskirchliche Dienst in der Arbeitswelt und vieles mehr gegründet.

Zu diesen übergemeindlichen Diensten kamen dann in den 1970er Jahren gesellschaftspolitische Aktionsgruppen und, als Reaktion auf die hohen Austrittszahlen der 1980er Jahre, diakonische und missionarische Gemeindeaufbauprogramme. Schließlich, seit der Jahrtausendwende, als Reaktion auf die eine weitere Ausdifferenzierung, man könnte auch sagen Zersplitterung der Lebensentwürfe: Fresh-X und andere lokale Netzwerke. Inmitten verschiedener Lebenswelten, in Hochhaussiedlungen, Einkaufszentren oder leerstehenden Fabrikhallen, versuchen sie, Gemeinde zu bauen.

Mit der Gemeinde am Glemseck ist Ihnen ja eine solche Netzwerkgemeinde vertraut, und nach allem, was ich wahrnehme, gibt es hier ein gutes Miteinander von Netzwerk-Gemeinde und Kirchenbezirk. Andernorts erleben die örtlichen Kirchengemeinden diese neuen Formen von Kirche allerdings als Konkurrenz: die ziehen unsre besten Leute ab! Dann werden die Anstrengungen vor Ort nochmals verstärkt, durch eigene Jugendkirchen, Lobpreisgottesdienste etc. p.p.

 

Was für eine gewaltige Ausweitung und Ausdifferenzierung der kirchlichen Arbeit. Kein Wunder, dass uns das Lassen so schwer fällt – auf allen Ebenen der Kirche.

 

 

Zu dieser Entwicklung hat auch die Theologie beigetragen. Sie hat die kirchlichen Reformbewegungen teils gefördert, teils auch kritisch unter die Lupe genommen. Dabei lässt sich eine deutliche Veränderung im Kirchenverständnis beobachten: weg vom Konzept der Sammlung der Christengemeinde hin zur Sendung der Christinnen und Christen in die Welt. Also Verantwortung der Kirche nicht mehr nur für das Glaubensleben ihrer Gemeindeglieder, sondern zunehmend und immer ausschließlicher Verantwortung für „die Welt“, für Gerechtigkeit und Frieden weltweit.

 

Auch hier nur zwei Schlaglichter, zwei Zitate, die Sie sicherlich kennen. Zum einen Dietrich Bonhoeffer: „Kirche ist nur Kirche, wenn sie Kirche für andere ist.“ Und zum anderen Dorothee Sölle, die im Ringen um eine Theologie nach Auschwitz formuliert hat: „Gott hat keine Hände, nur unsere Hände.“

Mit anderen Worten: Wir sind verantwortlich, verantwortlich für das Wohl und Wehe weltweit. Es ist sonst keiner da. Kirche für andere in grenzenloser, weltweiter Verantwortung. Sendung der Kirche in die Welt in ihrer radikalsten Form.iii

Eine ganze Generation von Christinnen und Christen wurde von dieser Idee beflügelt, passend zum Fortschrittsoptimismus der 68er-Jahre, passend zum Glauben an die grenzenlose technische und soziale und politische Machbarkeit. Aber mittlerweile ist der Optimismus dieser Jahre verflogen. Die Welt hat sich nicht zum Besseren gewendet, aller Anstrengungen zum Trotz. Was in der Kirche übrigbleibt, sind organisatorischer und moralischer Dauerstress, klägliche Hoffnungsreste und geistliche Erschöpfung.

 

 

 

II. Was sollen wir tun – und was können wir lassen?

 

 

In dieser Situation braucht es eine neue Vergewisserung über den Auftrag der Kirche, insbesondere über das Verhältnis von Sammlung und Sendung. Und diese Vergewisserung setzt dort an, wo wir nach dem Grund und Wesen der Kirche fragen. Dabei können wir anknüpfen an die reformatorische Unterscheidung von sichtbarer und verborgener Kirche. Es ist zugleich die Unterscheidung zwischen dem, was wir tun und dem, was Gott tut.

Denn in der verborgenen Kirche handelt Gott an uns. Hier sammelt er seine Gemeinde, und er tut dies nach Auffassung der Reformatoren sehr gezielt im Gottesdienst, in der Taufe und im Abendmahl (vgl. CA VII). Der Gottesdienst, der hier gemeint ist, beschränkt sich allerdings nicht auf den Sonntagmorgen-Gottesdienst, sondern geschieht überall dort, wo wir das Evangelium von der Geschichte Gottes mit dieser Welt hören und entdecken, dass wir Teil dieser Geschichte sind. In der Taufe erfahren wir, dass Gott uns seine Liebe schenkt und uns in die Nachfolge Jesu ruft. Und das Abendmahl bestärkt uns in der Hoffnung, dass Gottes Reich im Werden ist, Gottes neue Zeit, auf die wir zugehen.

Gottesdienst Taufe und Abendmahl - und darin verborgen die drei zentralen Gaben des Heiligen Geistes: Glaube, Hoffnung und Liebe als Kraftquellen für unser Christsein, für unser Kirche-Sein, für unsere Sendung in die Welt.

Die verborgene Kirche ist also nicht unsichtbar, sondern zeigt und ereignet sich, in aller Gebrochenheit, in der sichtbaren Kirche: dort, wo wir unseren Glauben teilen, wo wir einander in der Hoffnung auf Gottes Reich stärken und dort, wo wir als Einzelne und in der Gemeinschaft mit anderen Christenmenschen unseren Glauben im Alltag der Welt leben.

Unter dem Vorzeichen der Sammlung ist die sichtbare Kirche deshalb eine Erzähl- und Gebetsgemeinschaft. Hier erzählen wir die Geschichte Gottes mit der Welt und wir erzählen vom Reich Gottes als dem Ziel dieser Geschichte. Hier feiern wir Gottes Gegenwart. Hier bringen wir unsere Zuversicht und unsere Verzweiflung zur Sprache. Hier sind wir mit Gott im Gespräch, klagen ihm die Not und das Elend der unerlösten Welt und bringen zugleich unsere Hoffnung auf Verwandlung und Verbesserung dieser Welt zum Ausdruck. Hier lassen wir uns in die Nachfolge Jesu rufen; hier erfahren wir Ermutigung zur tätigen Liebe.

Die Sammlung der christlichen Gemeinde ist also kein Selbstzweck, sondern Voraussetzung für ihre Sendung in die Welt. Und diese Sendung findet ihren Ausdruck in der tätigen Liebe. Die Liebe ist es, die uns über die Grenzen der sichtbaren Kirche hinausführt. Dorthin, wo Gott uns haben will als seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der von ihm geliebten und zugleich gefährdeten, noch unerlösten Welt.

Deshalb begleiten wir Menschen in erfreulichen und in schwierigen Situationen, deshalb handeln wir diakonisch und missionarisch, deshalb engagieren wir uns in der Bildungsarbeit, deshalb übernehmen wir Mitverantwortung im Gemeinwesen und engagieren uns für eine lebenswerte Welt.

 

So lebt die sichtbare Kirche zwischen den beiden Polen von Sammlung und Sendung. Sie ist ein weiter Raum, in dem Christinnen und Christen zusammenkommen – und zugleich ein weit geöffnetes Fenster, das den Blick freigibt auf Gottes Reich.

 

 

 

III. Konsequenzen

Was bedeuten diese Überlegungen für unser Tun und Lassen in Kirche und Gemeinde? Meine These: wenn wir einen Weg finden wollen zwischen Betriebsamkeit und Überforderung, zwischen Aktionismus und Erschöpfung, dann sollten wir im Sinne eines Innehaltens in unübersichtlichen Zeiten mehr Augenmerk auf die Sammlung der christlichen Gemeinde legen: Kirche als Erzähl- und Gebetsgemeinschaft, in der wir uns gegenseitig darin stärken, unseren Glauben und unsere Hoffnung im Alltag zu leben.

Das hört sich im ersten Moment nach Rückzug und Rückbau an, nach Schmoren im eigenen Saft, nach kirchlicher Selbstbespiegelung. Aber so ist es nicht gemeint. Deshalb habe ich den Zusammenhang von Sammlung und Sendung betont. Sendung in die Welt, ja! Mitverantwortung für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung – ja! Aber wer B sagt, muss auch A sagen: die Sammlung derer, die mit Ernst Christen sein wollen, ist die Voraussetzung für ihre Sendung.

Ein Blick in die weltweite Kirche kann das deutlich machen: gerade da, wo Kirchen in der Minderheit sind und wo die Sammlung der Gemeinde, wo Gemeinschaft und Zusammenhalt und füreinander-da-sein in der Zerstreuung eine große Rolle spielen, gerade da entstehen kraftvolle diakonische und missionarische Aktivitäten. Was ich Sammlung der Gemeinde nenne, verstehe ich deshalb als Kräfte-Sammeln, Kräfte-Bündeln, damit wir auch weiterhin unserer Sendung in die Welt gerecht werden können.

Deshalb sollten wir als Erstes unsere Mitglieder darin unterstützen, dass sie ihren Glauben im Alltag leben. Dass sie sich trauen, ihrem Glauben Ausdruck zu verleihen, in Wort und Tat, dass sie „sprachfähig werden im Glauben“, wie man gerne sagt.

Wo lernen wir das? Wenig überraschend: am ehesten im Verbund der Familien. Im Gespräch zwischen den Generationen. In der Corona-Zeit haben das manche wiederentdeckt, haben die kirchlichen Feste im Familienkreis mit kleinen Ritualen gefeiert und wurden dabei von der Gemeinde unterstützt. Das weiterzuverfolgen dürfte spannend sein. Die kleinen Formen und Riten unserer Frömmigkeit wiederentdecken und pflegen. Ich bin zuversichtlich, dass dabei viel Gutes entstehen kann: wenn Eltern ihren Kindern nicht nur die Geheimnisse der Mülltrennung beibringen, sondern auch über Glaubensfragen mit ihnen sprechen und dabei staunend entdecken, dass ihre Kinder kluge Theologinnen und Theologen sind.

 

Sprachfähig werden im Glauben, das kann sich auch ereignen, wenn Gemeindeglieder andere Gemeindeglieder und Gäste zum Essen und Trinken einladen, zu Tischgesprächen über Gott und die Welt. Eigentlich wissen wir das ja seit Jesus: Die Basis-Gestalt der Kirche ist nicht die Kirchengemeinde, sondern die Tischgemeinschaft. Aber bloß keine Leistungsschau, weder kulinarisch noch religiös. Den großen Aufwand lassen. Nur tun, was Freude macht. Wo das Herz schlägt.

 

Und was ist mit unseren Gottesdiensten? Sie sind nach wie vor der Kern unserer Arbeit. Nicht zahlenmäßig, aber inhaltlich. Unser Markenkern im vorher beschriebenen Sinn. Deshalb sollten wir unseren Blick darauf lenken, dass unsere öffentlichen Gottesdienste nur ein kleiner Teil des gottesdienstlichen Lebens in der Gemeinde sind. Wir werden den klassischen Sonntagmorgen-Predigtgottesdienst weiterhin sorgfältig gestalten. Aber wir könnten uns mehr als bisher in unseren Nachbarschaften darüber verständigen, wer wann wo mit wem zu welchem Thema und in welcher Gestalt öffentliche Gottesdienste anbietet. In unserer Landeskirche findet da gerade ein Umdenken und Umsteuern statt: die Struktur der Verbundkirchengemeinde z.B. eröffnet eine ganze Reihe neuer Möglichkeiten für ein vielfältigeres Gottesdienst-Angebot.

Wenn nicht mehr jeder alles macht, werden wir auch mehr Freiräume gewinnen, um uns den weniger öffentlichen, aber nicht weniger wichtigen Formen gelebter Spiritualität zu widmen. Das sind zum Beispiel Andachten in Senioren- und Pflegeheimen, Schulgottesdienste, Taizé-Gebete, geistliche Impulse bei der Probe im Posaunen- oder Kirchenchor etc. p.p. Es gibt so viele Gelegenheiten, wo wir vor Gott zur Ruhe kommen und neue Kräfte sammeln können.

Diese kleineren Formen gelebter Spiritualität zu gestalten, ist nicht nur Aufgabe der Pfarrerinnen und Pfarrer und, soweit vorhanden, der Diakoninnen und Diakone. Nein! Aber wir würden gerne unsere theologische Kompetenz in die Vorbereitung dieser Formate einbringen und auch auf diese Weise unsere Gemeindeglieder dabei begleiten, dass sie ihrem Glauben Ausdruck verleihen im gemeinsamen Tun, das ja in hohem Maße ein Lassen ist: ein sich-gefallen-lassen dessen, was Gott für uns tut.

Pfarrdienst als Dienst an der Sprach- und Ausdrucksfähigkeit der Gemeinden. Dazu gehört auch, dass die Kirchengemeinden und insbesondere die sog. Kerngemeinde ihren Pfarrerinnen und Pfarrer genügend Zeit lassen für eine intensive und seelsorgerlich verantwortete Kasualarbeit. Religiöse Kommunikation ist in der Postmoderne nur im Dialog möglich, und das ist gut so. Deshalb sind Kasualgespräche sehr zeitintensiv geworden. Sie sind aber ein wichtiger Beitrag zur Mitgliederbindung und ein weiterer Baustein, damit Gemeindeglieder sprachfähig werden im Glauben, getrost in der Hoffnung und unerschrocken in der Liebe.

 

Für die Verantwortlichen in der Gemeindeleitung bedeutet dies: Lassen lernen. Die Kontrolle aus der Hand geben. Sich nicht für alles verantwortlich fühlen. Sondern für den guten Rahmen sorgen, finanziell, personell, baulich - damit in diesem Rahmen Begegnungen möglich werden für die Kommunikation des Evangeliums in all ihren Facetten.

Wie das im Einzelnen geschehen kann, dafür gibt es keine Rezepte. Denn jede Kirchengemeinde hat ihre eigene Geschichte, ihre eigene Prägung, ihre eigenen Möglichkeiten und ihren eigenen Schatz an Erfahrungen.

Lassen lernen bedeutet für die Gemeindeleitung deshalb: weg von der Vollsortimenter-Gemeinde! Regio-lokal denken und handeln. Experimente zu-lassen. Vielleicht das eine oder andere Projekt anregen und anschubfinanzieren – und darauf vertrauen, dass der Heilige Geist mit dabei ist, wo Menschen glauben, hoffen, lieben.


So viel zum Aspekt der Sammlung. Und zum Schluss, ebenfalls mit groben Pinselstrichen skizziert, ein paar Gedanken, wie wir als Kirche unserer Sendung in die Welt gerecht werden können.

 

Hierzu gehört für mich als Erstes unsere sichtbare Präsenz im öffentlichen Raum. Dabei spielen unsere Kirchengebäude eine wichtige Rolle. Sie haben eine enorme Bedeutung für die Wahrnehmung von Kirche und christlichem Glauben in unserer Gesellschaft. Und sie bieten einen Raum, der zur Begegnung mit Gott einlädt. Es gibt viele gute Erfahrungen, wie wir unsere Kirchenräume „bespielen“ können.

Kirchenmusik ist dabei eine wichtige Gestaltungsmöglichkeit. Wo das nicht möglich ist, genügt es, die Kirche tagsüber zu öffnen. Leise Musik lädt zur Stille ein, eine Gebetswand steht bereit, der Raum und das Licht sprechen ihre eigene Sprache. Das ist schon viel. Mehr muss nicht sein.

Öffentlichkeitsarbeit. EKD und Landeskirchen sind hier sehr aktiv. Aber ständige Berichte in der Presse erzeugen ein Grundrauschen, das irgendwann nicht mehr beachtet wird. Also lieber: eine Aktion vor Ort. Eine Kampagne in der Region. Eines, das aufmerken lässt.

Öffentlich wahrnehmbar ist auch die kirchliche Bildungsarbeit. In den Schulen, im kirchlichen Unterricht, in den Bildungswerken und Tagungshäusern und, nicht zu vergessen, in der Jugendarbeit. Hier greifen Sendung in die Welt und Sammlung der Christengemeinde besonders eng ineinander. Das macht diese Arbeit so wertvoll.

Mit der öffentlichen Wahrnehmung eng verbunden: Mitwirkung im Gemeinwesen. Sie geschieht z.B. mit unseren Kindertagesstätten. Sie sind wichtige Kontaktflächen in die Zivilgesellschaft. Wenn eine Kirchengemeinde mit der Trägerschaft überfordert ist: überörtliche Trägerstrukturen bilden. Kitas aufgeben darf nur die allerletzte Option sein. Und dann gibt es im Gemeinwesen immer wieder Themen und Projekte, bei denen wir als Kirche gefragt sind oder manchmal auch vorneweg gehen müssen; ich erinnere an die Flüchtlingsarbeit 2015/16. Hier wäre viel geholfen, wenn wir als Kirche nicht alles an uns ziehen. Oft genügt es, Räume zur Verfügung zu stellen, Ehrenamtliche zu werben, Gelder bereitzustellen. Auch hier: nicht alles selber machen. Exemplarisch arbeiten. Kooperationen eingehen. Die diakonischen Bezirksstellen verfügen über das nötige Know-how; auch so ein Pfund, das wir haben und mit dem wir noch mehr wuchern könnten. 

 

Zur Sendung der Kirche gehört schließlich, was nicht im Licht der Öffentlichkeit geschieht. Hilfe in der Not anbieten, Ermutigung und Trost spenden – gerade dann, wenn die Nachtseiten des Lebens leidvoll erfahren werden. Also: Lebensbegleitung durch Seelsorge. Und eine Diakonie, die sich der Zuwendung zum Nächsten verschreibt und zugleich die Dimension der Hoffnung wachhält. Wir haben in diesen Bereichen vieles an Expertinnen und Experten abgegeben, und sie machen gute Arbeit. Aber Seelsorge und Diakonie sind auch Aufgaben der Gemeinde. Haben wir genügend im Blick, wie viele Gemeindeglieder in diesen Bereichen tätig sind? Pflegende Angehörige. Ehrenamtliche in der Krankenhausseelsorge oder im Hospizdienst. Berufstätige in sozialen, diakonischen Einrichtungen... Wo kommen sie mit ihren Erfahrungen vor in unseren Gemeinden? In unseren Gottesdiensten? In unseren Gebeten?

Es gibt noch viele andere Bereiche, in denen Christenmenschen Verantwortung übernehmen und ihren Teil zur Sendung der Kirche beitragen, in der Wirtschaft und in der Wissenschaft, im Handwerk und in der Politik, in Schulen und Büros und Ämtern, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Vieles wird in unseren Kirchengemeinden gar nicht wahrgenommen. Schade eigentlich. denn auch hier ereignet sich Kirche.

Nicht zu vergessen: die Gemeindeglieder, die sich für andere erkennbar in der Kirche engagieren, Kirchgängerinnen und Kirchgänger, Ehrenamtliche im Kindergottesdienst, in den Besuchsdiensten, in Gruppen und Kreisen und Chören, in den Gremien und Bezirken. Oft sind sie auch anderweitig aktiv, z.B. in den Vereinen, und haben dadurch eine wichtige Brückenfunktion: für Menschen, die nicht zum Kern der Gemeinde gehören, sind sie diejenigen, mit denen sie am ehesten über Glaubens- und Lebensfragen ins Gespräch kommen. Was für ein Schatz! Es lohnt sich, ihn zu pflegen und darauf zu vertrauen, dass sich Kirche und Gemeinde auch jenseits dessen ereignet, was wir tun und planen und organisieren.

 

Überlegungen zum Tun und Lassen in unübersichtlicher Zeit habe ich Ihnen versprochen. Und versucht, ein paar Schneisen zu schlagen mit dem Hinweis auf die notwendige Balance von Sammlung und Sendung. Und mit dem Hinweis auf Glaube, Hoffnung und Liebe als den Kräften, die Gott seiner Kirche schenkt.

Vielleicht haben Sie am Ende den Eindruck, dass ich dabei mehr über das Tun gesprochen habe als über das, was wir lassen können. Ich fürchte, ihr Eindruck stimmt. Wer wir als Kirche sind und wie wir als Kirche wahrgenommen werden, wird auch in Zukunft an dem gemessen, was wir tun. Das ist wohl Teil unserer Existenz in der nicht erlösten Welt.

Aber vielleicht konnte ich Ihnen wenigstens Mut machen, dass wir das, was wir tun, ge-lassen tun. Indem wir beherzt auswählen und exemplarisch handeln. Weil wir uns nicht hinter Kirchenmauern verschanzen wollen, sondern gerade in unübersichtlichen Zeiten sichtbare Zeichen für das Reich Gottes setzen wollen.

Wir werden die Kirche nicht retten. Aber wir dürfen darauf vertrauen, dass es in der Kirche nicht nur auf das ankommt, was wir tun. Sondern vor allem auf das, was Gott tut.

 

i Zum Folgenden ausführlich: Eberhard Hauschildt/Uta Pohl-Patalong: Kirche, 2. Aufl. Gütersloh 2018, S. 94ff.

ii Emil Sulze, Die evangelische Gemeinde (2. Aufl. Leipzig 1912), zitiert nach Uta Pohl-Patalong, Die Zukunft der städtischen Gemeinde. Perspektiven für die Kirche Vortrag im Rahmen der Tagung „Zwischen Babylon und Jerusalem. Die Kirche als Faktor der Stadtentwicklung“ 11.9.2015 in Hamburg; Fundort: www. theol.uni-kiel.de>patalong>dateien-vortraege, abgerufen am 14.01.2021.

iii Dass sowohl Bonhoeffer als auch Sölle keineswegs auf diese Aussagen verkürzt werden können, sei an dieser Stelle eigens vermerkt. Beide haben die Weltverantwortung der Christinnen und Christen betont. Aber beide haben zugleich auf die Bedeutung der in der christlichen Gemeinschaft gelebten Spiritualität hingewiesen.