Das „Priestertum aller Gläubigen"

Das „Priestertum aller Gläubigen" gehört gewissermaßen zum Markenkern der Evangelischen Kirche. Aber was ist damit gemeint? Dieser Frage geht Prälatin Gabriele Wulz in ihrem Beitrag nach.

 

„Denn was aus der Taufe gekrochen ist…

…das mag sich rühmen, dass es schon zum Priester, Bischof und Papst geweiht sei.“

Die polemische Zuspitzung Martin Luthers hat 1520 wie eine Bombe eingeschlagen und bis heute nichts von ihrer Sprengkraft verloren. In dieser Formulierung hat die reformatorische Forderung eines Priestertums aller Gläubigen ihren wohl berühmtesten Niederschlag gefunden. Das Anliegen Luthers, dass alle Christenmenschen Verantwortung für die Kirche übernehmen, die Schrift auslegen und Missständen abhelfen, traf den Nerv der Zeit.

Die Rede, dass jeder Getaufte sich rühmen möge, höchste geistliche Ämter innezuhaben, gefiel den Protagonisten der Reformation außerordentlich gut. Dazu gehörten, neben den schreibenden Handwerkern und Frauen, auch Laienpropheten im Bauernrock, Politiker in den Städten sowie die niederen und höheren Adelsstände.

Beifall fand auch, dass die Zweiteilung der Menschen in die Kleriker auf der einen und die Laien auf der anderen Seite in dieser Schrift von Martin Luther als unbiblisch kritisiert wurde.  Als Beispiel dient ihm die Eselin, die klüger war als der Prophet Bileam. Aber auch Paulus, der Petrus ins Angesicht widerstand, als der aus Furcht vor übler Nachrede und Kritik die Tischgemeinschaft mit den Heidenchristen aufgekündigt. Im Volk Gottes gibt es keine Unterschiede. Deshalb ist – so Martin Luther – zu folgern: „Einem jeglichen gebührt es, sich des Glaubens anzunehmen, ihn zu verstehen und zu verfechten und alle Irrtümer zu verdammen.“

Wenn wir bis heute von „Laien“ in der Kirche reden, dann ist das ein sicheres Zeichen dafür, dass die Reformation noch nicht an ihr Ziel gekommen ist. Das Verhältnis zwischen ordiniertem Amt und Ehrenamt bleibt also spannungsreich.

Wenn Pfarrer und Pfarrerinnen (von anderen Amtsträgern und –trägerinnen ganz zu schweigen) auf ein Podest gehoben werden, dann mag das zwar schmeichelhaft sein, hat aber immer auch die Kehrseite der Entwertung und der Enttäuschung. Gegen dieses Doppelspiel der Idealisierung und Entwertung schärft uns die Rede vom Priestertum aller Glaubenden ein: Jeder Christenmensch ist berufen, das Evangelium zu bezeugen.

Problematisch aber ist es auch, wenn das Reden von Glaubensdingen an Pfarrer und Pfarrerinnen delegiert wird, weil man sich selbst unsicher ist. Immer wieder begegnen mir Menschen, die mir sagen: Ich traue mich gar nicht zu sagen, dass ich Christ bin oder in die Kirche zu gehen. Da wird man so komisch angeschaut.

Umso mehr freue ich mich, wenn ich anderen begegne, die mir erzählen: Als ich den Schritt gemacht habe und gezeigt habe – auch öffentlich, dass ich glaube, erfahre ich viel Achtung und Respekt.

Und schließlich – und auch das muss hin und wieder betont werden - bedeutet das Priestertum aller Gläubigen nicht das „Pfarrertum aller Gläubigen“. Das Amt der öffentlichen Verkündigung (also das ordinierte Amt) muss ein Gegenüber bleiben, um dem Charakter des Evangeliums als „fremdem“ Wort zu entsprechen.

Priestertum aller Glaubenden ist stellvertretendes Handeln: In Klage und Dank, im Lob Gottes, in stellvertretendem Glauben ebenso wie im stellvertretenden Leiden.

Das Priestertum aller Glaubenden hat seinen Platz im Privaten wie im Öffentlichen. Es geschieht manchmal in Einsamkeit, aber auch öffentlich. Es gibt uns allen Würde und Ansehen. Und es ist ein Geschenk. Unverdient.