Weshalb "Kirche, Gemeinde und Pfarrdienst neu denken"?

Wir leben in Zeiten tiefgreifender Veränderungen. Tagtäglich werden wir damit konfrontiert. Globalisierung, Digitalisierung, Klimaveränderung und Migrationsbewegungen sind in aller Munde. Hinzu kommt, dass unsere Gesellschaft in Deutschland immer älter wird. Der Generationenvertrag ist in Gefahr. Und der Zusammenhalt in der Gesellschaft nimmt ab. Manches, was lange selbstverständlich­ war, wird brüchig.

Deshalb rückt die Suche nach der eigenen, möglichst unverwechselbaren Lebensgestaltung in den Vordergrund. Religion, Glaube und Kirchenzugehörigkeit sind Optionen, die im individuellen Lebensentwurf nicht zwangsläufig eine Rolle spielen.  

 

All das hat Auswirkungen auf die Gesellschaft - und auf die Kirche

Als Kirche befinden wir uns in einer Phase des Weniger-Werdens: weniger Gemeindeglieder, weniger Pfarrerinnen und Pfarrer, weniger Ehrenamtliche, weniger Gottesdienst-Feiernde, weniger Rückhalt in der Gesellschaft.

Auch das Verhalten der Kirchenmitglieder verändert sich. Nach wie vor ist kirchliche Lebensbegleitung in Form von Taufe, Konfirmation, Traugottesdienst oder kirchlicher Bestattung gefragt. Aber die Erwartung ist groß, dass die Kirche flexibel und einfühlsam auf die Vielfalt der individuellen Lebensentwürfe eingeht. Zugleich kostet es viel Kraft, die zahlreichen kirchlichen Angebote am Laufen zu halten. Die Anstrengungen, bewährte Formate durch neue Ideen zu beleben, erschöpft Haupt- und Ehrenamtliche zusehends. Sorge bereiten auch die Austrittszahlen. Insbesondere die gut ausgebildeten, männlichen Berufseinsteiger zwischen 25 und 30 Jahren kehren der Kirche den Rücken. Alle Anstrengungen und Strukturveränderungen der letzten Jahre konnten diese Trends bestenfalls abmildern. Sie waren keineswegs vergeblich! Aber die Hoffnung auf ein "Wachsen gegen den Trend" hat sich als unrealistisch erwiesen. Und so gehen die Ansichten über die Zukunft der Kirche in unseren Kirchengemeinden, Werken und Einrichtungen weit auseinander.

Verhängnisvolle Suche nach den Schuldigen. Angesichts dieser Entwicklung sagen viele: Es muss jemanden geben, der für all dies verantwortlich ist. In dieser Logik wird dann oft von "Niedergang" geredet, von Krise, Versagen und Scheitern. Und je nachdem, wo man sich selbst verortet, sagt man: Die Pfarrerinnen und Pfarrer sind schuld. Oder die Ehrenamtlichen. Und gemeinsam schimpfen Haupt- und Ehrenamtliche auf "die da oben", die wiederum über "die da unten" klagen usw. usf. "Gut protestantisch" ist auch die Selbstbezichtigung. Da heißt es dann: wir haben uns nicht genügend angestrengt. Wir haben nicht gut genug geplant - oder unsere tollen Angebote nicht genügend publik gemacht - oder nicht genügend gebetet - oder wir waren nicht mutig genug... Die Vielfalt des kirchlichen Lebens eröffnet zahlreiche Möglichkeiten zur Selbstentwertung.  

 

Was tun?

Weder schlechtreden noch beschönigen. Wenn wir "Kirche, Gemeinde und Pfarrdienst neu denken" wollen, sollten wir in einem ersten Schritt dafür sorgen, dass die unheilvollen Beschuldigungen und Selbstbezichtigungen ein Ende finden. Und wenn wir anfangen, in diese Richtung zu argumentieren und zu lamentieren, sollten wir uns gegenseitig ins Wort fallen und sagen: Stopp, so wollen wir nicht mehr über uns und unsere Kirche reden.

Verstehen, was sich verändert hat. Machen wir uns klar: der grundlegende gesellschaftliche Wandel der letzten zwanzig, dreißig Jahre macht auch vor der Kirche nicht Halt. Wir überblicken diese Transformationsprozesse nicht in ihrer ganzen Tragweite, aber wir stellen fest, dass sie enorme Auswirkungen auf uns als Kirche, auf unsere Gemeinden, auf unsere Gemeindeglieder und natürlich auf uns selbst haben.

Chancen ausloten und ergreifen. Und dann beschäftigen wir uns mit der Frage, worin dieser Wandel besteht. Und wir denken, vom Auftrag der Kirche her, neu darüber nach, worin unsere Verantwortung für Glaube, Hoffnung und Liebe in diesen Zeiten der Veränderung besteht: welche Perspektiven sich für das Leben in unseren Kirchengemeinden ergeben, welche Aufgaben wir anpacken und was wir lassen wollen und, last but not least: worin der spezifische Beitrag des Pfarrdiensts in diesen Zeiten des Umbruchs besteht. Ein gemeinsames Nachdenken und sich-Verständigen über diese Fragen wird dann auch dazu führen, dass wir mit Lust und Entdeckerfreude ausprobieren, wie das Evangelium in einer sich rasant ändernden Gesellschaft relevant wird.  

 

Wie vorgehen?

Der Verständigungsprozess "Kirche, Gemeinde und Pfarrdienst neu denken" eröffnet den Raum, um über die o.g. Fragen auf allen Ebenen der Landeskirche ins Gespräch zu kommen.

  • Gerne komme ich in Bezirkssynoden, Dienstbesprechungen, KGR- und KBA-Gremien etc. oder bringe die Fragestellungen des Verständigungsprozesses in anderen Zusammenhängen und Formaten je nach Absprache ein.
  • Für 2020 sind Prälaturtage geplant (Ulm: 15.05.2020, Heilbronn: 01.10.2020; Stuttgart: 10.11.2020; Reutlingen: 12.11.2020), die das Gespräch innerhalb der Pfarrerschaft anregen und bündeln sollen. Daran schließen sich weitere Gesprächsrunden mit Ehrenamtlichen und Hauptamtlichen verschiedener kirchlicher Berufsgruppen an.
  • Die Homepage stellt Anregungen und Materialien für den Verständigungsprozess zur Verfügung.

Und es soll nicht beim Nachdenken bleiben! An vielen Orten in unserer Landeskirche werden bereits neue Wege kirchlicher Arbeit gesucht und erprobt. All diese Erfahrungen können in den Verständigungsprozess "Kirche, Gemeinde und Pfarrdienst neu denken" einfließen.

Vor allem aber will der Verständigungsprozess Erprobungs-Freiräume ermöglichen, z.B. für Kirchengemeinden und Pfarrämter, die mit neuen Formen von Kooperation und Netzwerkarbeit experimentieren wollen.