Ekklesia

Wenn im Neuen Testament von „Kirche" und „Gemeinde" die Rede ist, wird dafür meistens das griechische Wort "Ekklesia" verwendet.

Ekklesia kommt vom griechischen Wort für „rufen" und bezeichnet die politische Versammlung der freien Bürger einer Stadt oder eines Dorfes, die aus einem bestimmten Anlass zusammengerufen worden sind.  Frauen, Kinder und Sklaven waren von diesen Versammlungen ausgeschlossen.

Martin Luther hat den Begriff Ekklesia mit „Gemeinde" übersetzt. Damit wollte er alle Anklänge an die römische Kirche seiner Zeit vermeiden. Im NT hat Ekklesia jedoch ein sehr viel breiteres Bedeutungsspektrum.

  • Ekklesia meint einerseits eine Gruppe von Christinnen und Christen, die sich an einem bestimmten Ort versammeln. Anders als die „weltliche" Ekklesia finden diese Versammlungen jedoch regelmäßig statt. Und die christliche Ekklesia steht nicht nur den freien Bürgern, sondern auch Frauen, Kindern und Sklaven offen.
  • Zentral waren zunächst die Hausgemeinden. Vermögende Gemeindeglieder stellten ihre Häuser als Treffpunkt für gemeinsame Mahlzeiten und Gottesdienste zur Verfügung, wobei ein "Haus" Platz für 40 bis 50 Personen bieten konnte. Die Hausherren übernahmen dabei die Rolle des Gastgebers als einer frühen Form der Gemeindeleitung.
  • In größeren Gemeinden traf man sich an öffentlich zugänglichen Plätzen, die keine kultische Funktion hatten, oder in verschiedenen Häusern.
  • In einzelnen Regionen gab es mehrere Gemeinden.
  • Die Verbindung aller Gemeinden wird durch die Geldsammlung für die „Urgemeinde“ in Jerusalem gefördert und symbolisiert.

Ekklesia im o.g. Sinn ist die vorfindliche christliche Versammlung, die sichtbare Sozialgestalt von Kirche, man könnte auch sagen: die sichtbare Kirche vor Ort, in einer Region und weltweit. Und immer sind die verschiedenen Dimensionen von "Kirche" (Hausgemeinschaft, Ortsgemeinde, Region, Distrikt und weltweite Kirche/Ökumene) mitzudenken, wenn von Ekklesia (Gemeinde) die Rede ist

Paulus legt dem Begriff Ekklesia aber auch eine geistliche Dimension bei. Er spricht dann von der Ekklesia Gottes oder den Gemeinden Christi und definiert sie näher als "Geheiligte" oder "berufene Heilige" (1.Korinther 1,2 u.ö.). Gott selbst hat die Gemeinden "berufen" und "zusammengerufen", sie ist also nicht an bestimmte Strukturen oder Ordnungen gebunden.
Diese geistliche Ekklesia ist gewissermaßen die unsichtbare, verborgene Kirche. Von ihr ist dann später im Glaubensbekenntnis die Rede: "die heilige, christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen".
Schon bei Paulus wird deutlich, dass sichtbare und verborgene Kirche keine Gegensätze sind. Sie sind in spezifischer Weise aufeinander bezogen: die verborgene Kirche wird dort sichtbar, wo sich Christen um Gottes Wort versammeln, Gottesdienst feiern und ihren Glauben teilen (Siehe hierzu unsere Skizze: "Sichtbare und unsichtbare Kirche").
Damit dies möglich wird, hat Gott verschiedene "Ämter" eingesetzt, die als "Dienste" charakterisiert werden. Sie sollen die Gemeinde zum Nutzen aller auferbauen (1. Korinther 12; Epheser 4). Eine Reihe von Begriffen und (Sprach-)Bildern macht dies deutlich.

Leib Christi

Paulus verwendet das Bild vom Leib Christi, um Kirche und ihre Gemeinden als Gemeinschaft der Verschiedenen zu beschreiben. Im 1.Korintherbrief entwirft er dieses Bild als Reaktion auf die Konflikte und Spaltungen, die es in der Gemeinde in Korinth gegeben hat.

Die Gemeinschaft der Vielen verdankt sich dem Wirken des Heiligen Geistes (1. Korinther 12, 4-13).

Der Heilige Geist fügt die einzelnen Glieder zusammen zu einem Leib, genauer: zum Leib Christi.  In einem anderen Bild gesprochen: Der Heilige Geist ist die DNA der Christenmenschen und der Christengemeinde.
Der Heilige Geist schenkt aber auch unterschiedliche Begabungen ("Gnadengabe" ist eine stimmige Übersetzung des griechischen Begriffs "Charisma"). Diese Charismen ermöglichen das Zusammenwirken der Gemeindeglieder (!) "zum Nutzen aller" (1.Korinther 12,7). Dabei sind, wie bei einem Körper, alle Glieder aufeinander angewiesen.
Genauso wichtig ist, dass die unterschiedlichen Gnadengaben keine Rangordnung in der Gemeinde begründen. Die Unterschiede beziehen sich auf die jeweilige Funktion/Aufgabe der einzelnen Glieder zugunsten der Gemeinschaft, nicht jedoch auf ihre Herkunft, ihren Status (versklavt oder frei) oder ihr Geschlecht (1.Korinther 12,3, vgl. Gal. 3,28).
Konflikte in der Gemeinde treten übrigens gerade da auf, wo solche Unterschiede eine Rolle spielen, siehe 1.Korinther 11. In Römer 12,10 gibt Paulus deshalb einen guten Rat zur Konfliktvermeidung bzw. -beilegung: "Übertrefft einander in Wertschätzung" (Basisbibel).

"Ämter" und "Dienste"

 Im Neuen Testament gibt es unterschiedliche Beschreibungen für die einzelnen Aufgaben und Dienste in der Christengemeinde – wobei Luther das griechische Wort diakonia = Dienst mit "Amt" übersetzt hat (1.Korinther 12,5 u.ö.).  Im Römerbrief nennt Paulus u.a. prophetische Rede, Lehren, Leiten oder die Gaben zu trösten und Barmherzigkeit zu üben (Römer 12, 6-8). Eine andere Aufzählung findet sich in 1. Korinther 12, 8-10; in Vers 28 werden die Gnadengaben dann gewissermaßen personalisiert und als von Gott eingesetzt charakterisiert: hier ist von Aposteln, Propheten und Lehrern die Rede.
An diese Aufzählung knüpft der Epheserbrief an; sie alle haben die gemeinsame Aufgabe, "die Heiligen zuzurüsten zum Werk des Dienstes" (Epheser 4,12). Im 1. Petrusbrief ist von der Gemeindeleitung durch "Älteste" (Presbyter) die Rede; im paulinischen Missionsgebiet liegt die Leitung der Gemeinden in der Hand von "Aufsehern" (episkopoi – daraus wurde später das Wort "Bischof") sowie Diakoninnen und Diakonen (z.B. Philipper 1,1).
Das kirchengeschichtlich wirkungsvollste Leitbild für Leitung aus dem Neuen Testament ist das Bild vom Weiden (Apostelgeschichte 20,28; 1-Petrus 5,2; Johannes 21,15-17), aus dem später das "Amt" der Hirten bzw. Pastoren abgeleitet wurde. Immer jedoch gilt: "Dienet einander, ein jeder mit der Gabe, die er empfangen hat, als die guten Haushalter der mancherlei (wörtlich: ‚der bunten‘) Gnade Gottes" (1.Petrus 4,10).
Alle Ämterlisten im NT beschreiben, wie die unterschiedlichen Dienste Einzelner der Gemeinde als Gesamtheit zugutekommen. Daraus eine Ämterlehre oder Amtstheologie für die Kirche des 21. Jahrhunderts abzuleiten, wäre deshalb hochproblematisch.

Gemeinschaft

Kirche und Gemeinde werden im Neuen Testament auch mit unterschiedlichen Formen gelebter Gemeinschaft umschrieben: Kinder/Familie Gottes, z.B. Galater 3,26fff; Tisch- bzw. Festgemeinschaft, z.B. Lukas 14,7-24; Dienstgemeinschaft (Matthäus 20,25-28; 1.Petrus 4,10), Gottes Mitarbeiter und Bauleute (1. Korinther 3,15), Herde Gottes (Johannes 10,11-30 und 21,15-17, 1. Petrus 5,2 u.ö.)

(Siehe hierzu unsere Skizze: "Innere Leitbilder von Kirche und Gemeinde")

Das Johannesevangelium beschreibt Kirche und Gemeinde als Hörgemeinschaft derer, die Jesu Stimme hören und ihm nachfolgen (Johannes 10,7). Darauf bezieht sich Martin Luther in den Schmalkaldischen Artikeln: "Denn es weiß gottlob ein Kind von sieben Jahren, was die Kirche sei, nämlich die heiligen Gläubigen und die schäflein, die ihres Hirten Stimme hören."

Eine besondere Form der Gemeinschaft bilden die 12 Jünger Jesu und der darüber hinausgehende Kreis der Jüngerinnen und Jünger, der in den Evangelien stellvertretend für die Gesamtheit der Christinnen und Christen steht.

"Auf dem Weg", "Wanderndes Gottesvolk"

In der Apostelgeschichte werden Menschen, die zum Glauben an Jesus Christus gekommen sind, als "Anhänger des Weges" (9,2, vgl. 19,9, 24,14) bezeichnet. In Apostelgeschichte 16,17 ist dann vom "Weg des Heils" die Rede.
Der Hebräerbrief greift das in der hebräischen Bibel verbreitete Motiv vom "wandernden Gottesvolk" auf (Hebräer 12,1). Kennzeichen des Glaubens und der Glaubenden ist es also, unterwegs zu sein, keine "bleibende Stadt" zu haben (Hebr. 13,14), sondern Ausschau zu halten nach dem Reich Gottes. Das bedeutet auch: kirchliche Strukturen verändern sich; sie haben keine Heilsbedeutung, sondern sind zeitbedingte Reaktionen auf gesellschaftliche Veränderungen und Umbrüche.
(Siehe hierzu unsere Skizze: "Kirchliche Strukturen im Lauf der Jahrhunderte")

Weiteres

Zu nennen sind ferner die sorgfältig formulierten Grußworte zu Beginn der Paulusbriefe, z.B. 1.Korinther 1,2: "… an die Ekklesia Gottes in Korinth, an die Geheiligten in Jesus Christus, die berufenen Heiligen samt allen, die den Namen unseres Herrn Jesus Christus anrufen an jedem Ort, bei ihnen und bei uns…"
Das Wort "heilig" bedeutet "zu Gott gehörig". Diese Begrifflichkeit knüpft an die Überlieferung der hebräischen Bibel an, nach der Gott Menschen "aussondert" und zu einem besonderen Dienst beruft, vgl. z.B. 4 Mose 3,41. Damit stellt sich zugleich die im Lauf der Kirchengeschichte sehr unterschiedlich beantwortete Frage, wie das Verhältnis von "göttlich" und "weltlich" zu bestimmen ist.

Etwas anders akzentuiert heißt es im 1.Petrusbrief: "Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, ein königliches Priestertum, ein heiliges Volk, ein Volk zum Eigentum, dass ihr verkündigen sollt die Wohltaten dessen, der euch berufen hat aus der Finsternis in sein wunderbares Licht" (2,9).

Auch die Reich-Gottes-Gleichnisse Jesu, in denen vom Wachsen die Rede ist, können als Aussagen über Kirche und Gemeinde verstanden werden:

  • Vierfaches Ackerfeld, Markus 4,3-9: wir Christinnen und Christen sind Säleute – Gott sorgt für reiche Ernte, auch wenn den Säleuten viel Saatgut danebengeht;
  • Senfkorn: Gottes Reich wächst auch aus Unscheinbarem, leicht zu Übersehendem;
  • Selbstwachsende Saat, Markus 4,26-29: Gottes Reich entfaltet sich ohne unser Zutun;
  • Unkraut unter dem Weizen, Matthäus 13,24-30: Uns Säleuten steht die Entscheidung über "Unkraut" und "Weizen" nicht zu; erst bei der Ernte wird sichtbar, was Frucht bringt.


Darüber hinaus gibt es im Neuen Testament eine Reihe von singulären Begriffen und Sprachbildern für Kirche und Gemeinde:
Salz der Erde, Licht der Welt, Stadt auf dem Berge (Matthäus 5,14-16),Schiff (Matthäus 8,23-27); Reben am Weinstock (Johannes 15), Zeuginnen und Zeugen (Apostelgeschichte 1,8), Brief Christi (2. Korinther 3,2), Tempel Gottes, in dem der Geist Gottes wohnt (1. Korinther 3,10), Braut Christi (Epheser 5,25 u. ö.) und Gottes Bau (1. Korinther 3,9; Epheser 2,20) bzw. Haus der lebendigen Steine (1. Petrus 2,5ff), um die Wichtigsten zu nennen.