Ein relativ neuer Forschungszweig der Praktischen Theologie ist die Kirchentheorie. Sie verbindet soziologische Sichtweisen mit theologischen Überlegungen.
Mit Eberhard Hauschild wird Kirche dabei gerne als "Hybrid" (Vgl. Eberhard Hauschildt, Hybrid evangelische Großkirche vor einem Schub an Organisationswerdung. Anmerkungen zum Impulspapier "Kirche der Freiheit" des Rates der EKD und zur Zukunft der evangelischen Kirche zwischen Kongregationalisierung, Filialisierung und Regionalisierung, in: PTh 96 (2007), 56-66; Uta Pohl-Patalong und Eberhard Hauschild, Kirche. Gütersloh 2016, Seite 62-102.) bezeichnet . Damit soll deutlich gemacht werden, dass "Kirche" je nach Sichtweise und Aufgabe mit unterschiedlichen soziologischen Begriffen zutreffend beschrieben werden kann.

 

Kirche als Institution sorgt für verlässliche, auf Dauer angelegte Strukturen: Finanzen, flächendeckende Versorgung, verlässliche Personalstruktur. Hier werden Gesetze erlassen, es gibt klar definierte Aufgabenbeschreibungen, Hierarchien und Mitwirkungsmöglichkeiten.

Kirche als Organisation ist zielorientiert ausgerichtet. Sie agiert auf einem Markt und wirbt für ihre Angebote. Der Marktmechanismus von "Angebot und Nachfrage" ist kennzeichnend.
Dazu gehören Schwerpunktbildungen, Arbeit in Projektform mit flexiblen Beschäftigungsverhältnissen und eine zielbezogene Finanzierung etwa über Fundraising oder Projektanträge.

Kirche als Bewegung – manche reden auch von Aktionsbündnissen – packt aktuelle Aufgaben an, ist missionarisch und/oder diakonisch engagiert.
Hier dominieren Gruppen und Kreise, die sich von den jeweiligen Aufgaben her definieren und deshalb durchlässig und fluide sind.

Mit Christian Grethlein und anderen ist in diesem Zusammenhang zu betonen, dass "Institution" und "Organisation" die Aufgabe haben, die Kommunikation (wir ergänzen: und Konkretion) des Evangeliums zu ermöglichen. Es geht also nicht um einen "Selbstzweck", sondern Organisation und Institution haben dienende Funktion, damit die "Bewegung Kirche" in Wort und Tat die befreiende Botschaft leben kann.

Eine Ergänzung erfährt dieses Denkmodell, wenn wir Kirche als Netzwerk betrachten. Damit ist zum einen die Vernetzung kirchlicher Arbeit in der Region, z.B. innerhalb eines Kirchenbezirks gemeint: Einzelne Kirchengemeinden bilden unterschiedliche Profile aus, um sich als Netzwerk gegenseitig zu ergänzen. Im früheren EKD-Zentrum für Mission in der Region (ZmiR, seit 2019 Teil der neuen Evangelischen Arbeitsstelle für missionarische Kirchenentwicklung und diakonische Profilbildung – www.mi-di.de)wurde hierfür der Begriff der Regiolokalität geprägt.
Kirche als Netzwerk meint zum anderen, dass Kirche(ngemeinden) und deren Untergliederungen im Verbund mit anderen Akteuren im Gemeinwesen präsent sind. Kirche versteht sich dann als Teil eines Gemeinwesens, z.B. einer Kommune oder eines Stadtteils – und gestaltet im Zusammenwirken mit anderen das Gemeinwesen. Sie ist Kirche mit anderen für andere.
"Sorgende Gemeinde" beschreibt die Intention dieser Netzwerkidee zutreffend (Siehe: www.ekd.de/eafa/sorgende_gemeinde_werden.html). Kirche übernimmt damit Verantwortung – ganz im Sinne von Jeremia 29,7: "Suchet der Stadt Bestes und betet für sie. Denn wenn es der Stadt gut geht, geht es euch gut."

Der funktionale Ansatz der Kirchentheorie fragt deduktiv nach der Funktion von Religion und Kirche und beschreibt Kirche ausgehend von den Bedürfnissen und Erwartungen der Kirchenmitglieder.  Diese funktionale Bestimmung von Kirche fragt nach der Wechselwirkung von Gesellschaft und Kirche: sie untersucht, was Gesellschaft von Kirche erwartet und wie Kirche der Gesellschaft dienen kann.

Zwei Grundfunktionen von Kirche / Religion werden identifiziert:

  • Darstellung und Vermittlung grundlegender Deutungs- und Wertsysteme, also: Orientierung geben in einer komplexen Wirklichkeit

 

 

 

  • Helfende Begleitung in Krisensituationen und an Knotenpunkten des Lebens, also: Seelsorge und Kasualien.


 

In diesen beiden Bereichen (Orientierung und Hilfe zum Leben) ist Kirche und kirchliches Handeln gefragt.

Die Wirkungsgeschichte dieses Denkansatzes, der u.a. von Karl-Wilhelm Dahm (Dahm, Karl-Wilhelm, Beruf Pfarrer. Empirische Aspekte zur Funktion von Kirche und Religion in unserer Gesellschaft. München 1994) eingebracht wurde und in den Mitgliedschaftsuntersuchungen der EKD seinen Niederschlag findet, ist:

  • Die pastoralen Handlungsfelder (Verkündigung, Gottesdienst, Religions- und Konfirmandenunterricht, Seelsorge) werden betont – und die Bedeutung des Pfarrdienstes wird hervorgehoben und professionalisiert.
  • Christenmenschen werden eher in der Rolle des Nutzers, des Konsumenten von religiösen Dienstleistungen gesehen.


Unbestritten ist, dass Religion und Kirche die benannten Erwartungen und Bedürfnisse erfüllen kann. Es wäre allerdings fatal, wenn die Kirche meint, sie wäre ganz nah bei den Menschen, indem sie versucht ihren Erwartungen gerecht zu werden. Aber Erwartungen und religiöse Bedürfnisse sind kein hinreichendes Kriterium für kirchliches Handeln. Wichtig wäre vielmehr, dass Kirche in ihrem verkündigenden Handeln die dynamisch-prophetische und damit auch aktivierende Kraft des Evangeliums thematisiert und zugleich, in ihrem diakonischen Handeln, auf die existentiellen Nöte der Menschen eingeht.


Alle soziologischen Ansätze sind also theologisch zu diskutieren und einzuordnen – im Wissen darum, dass Kirche immer im Werden ist: "semper reformanda" – herausgefordert durch gesellschaftliche Fragestellungen und ermutigt durch den Geist, der alles neu machen wird.